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Geld verdienen als Medikamententester

100 Euro pro Tag fürs Schlucken von riesigen, bunten Muntermacher-Pillen, die gegen Depressionen wirken sollen. Wer 14 Tage lang durch hält, kann sogar noch mehr Kohle aushandeln – ein gewöhnliches Angebot eines Test-Instituts an freiwillige menschliche Versuchskaninchen.
Was auf den ersten Blick verführerisch nach leicht verdientem Geld aussieht, sollten Sie genau unter die Lupe nehmen. Menschliche Laborratten riskieren bei unseriösen Medikamenten-Studien oder falscher medizinischer Betreuung ihre Gesundheit.

Leichtsinn und Eile, aus Nöten wie Existenzangst oder akuter Geldnot geboren, sind absolut fehl am Platz.


Experten schätzen, dass jährlich rund 1.000 medizinische Studien* allein in Berlin gestartet werden. Hochgerechnet sind demnach in Berlin ungefähr 10.000 Patienten und Probanden pro Jahr in Studien oder Tests, wenn man von durchschnittlich 10 Testpersonen pro Studie ausgeht.
Für die Pharma-Industrie ist es sehr schwierig, für bestimmte Tests von Medikamenten oder neue medizinische Untersuchungsmethoden Personen mit dem passenden Patienten-Profil zu finden. Ein Beispiel, das in Presseberichten angeführt wird, ist die schwierige Suche nach schwangeren Frauen, die bereit sind, neue Mittel an sich und dem ungeborenen Kind testen zu lassen.


Cash
Die Bezahlung von Probanden richtet sich meist nach der Dauer des Tests. Die Höhe der Honorare wird von den Instituten in Eigenregie festgesetzt. Je schwieriger eine Testperson zu finden ist, desto höher das Honorar.


Ergebnisse einer Stichproben-Recherche der Rratgeber-Redaktion (Stand: Dez. 2005)
- Für einen dreitätigen Epikutantest** mit insgesamt 50 Probanden zahlte die Dermatest GmbH aus Münster 720 Euro pro Person. Die Firma wies auf ihrer Website (www.dermatest.de) darauf hin, dass die Zeiträume ihrer Tests variabel seien. Also: Wer will, kann sich auch länger testen lassen. Die Firma erklärt außerdem, dass sich „Rabatte“ bei mehreren Testungen gleichzeitig ergeben würden – sprich: mehr Geld für mehr Test-Pflaster auf Ihrer Haut.

    - Für eine stationäre Testreihe im Frühjahr 2005 mit sieben Übernachtungen zahlte die AAI (Applied Analytical Industries) Deutschland GmbH in Neu-Ulm 800 Euro.

    Junge männliche Probanden, die nicht rauchen, mussten dafür mehrfach ein Antihistaminikum*** in Tablettenform zu sich nehmen.

    Das Institut für klinische Pharmakologie in Grünstadt zahlte je nach Studienart und Studiendauer zwischen 50 und 200 Euro pro Tag.

     

     

    Checkliste: Was Sie bei Medikamententests unbedingt beachten sollten!

     

     

     

    Gefährliche Verschleierung von Studienergebnissen
    Durch den spektakulären Rückruf des Schmerzmittels Vioxx durch den US-Konzern Merck & Co im September 2004 wurden in der Öffentlichkeit viele Fragen hinsichtlich der Sicherheit von Arzneimitteln aufgeworfen. Eine Studie hatte zuvor gezeigt, dass Vioxx bei Patienten das Risiko für Herz- und Schlaganfälle erhöht. Diese Studie ist der breiten Öffentlichkeit – also den Menschen, denen Ärzte das Mittel verschreiben – nicht bekannt gewesen.
    In Deutschland will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) laut „Spiegel“ für die Zulas­sung und Überwachung von Medikamenten eine neue Behörde gründen. Das bisher zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) solle aufgelöst und in eine „weitgehend eigenverantwortlich und nach ökonomischen Grundsätzen geführte“ Agentur überführt werden. An der Spitze der neuen Agentur sollen keine Beamten, sondern zwei auf je fünf Jahre bestellte Manager stehen. Mit dem Gesetzentwurf reagiere Schmidt auf Klagen der Industrie über das angeblich schwerfällige Bundesinstitut.
    Die Veröffentlichung von brisanten Studienergebnissen ist oft ein Problem für Pharmaun­ternehmen. Falls herauskommt, dass ein Medikament unangenehme Nebenwirkungen hat, verlieren Firmen viel Geld, das in Forschung und Entwicklung oder Marketing gesteckt worden ist.
    In Zusammenarbeit mit internationalen Pharmakonzernen haben sich Verbände in den USA, Europa und Japan auf einen branchenweiten Verhaltenskodex zur Veröffentlichung detaillierter Informationen zu klinischen Studien im Internet verständigt. Die Richtlinien betreffen aber nur die Veröffentlichung von klinischen Studien, die sich nicht in der Anfangsphase befinden. Diese Richtlinien werden von Pharmariesen wie Pfizer, GlaxoS-mithKline(GSK), AstraZeneca, Merck & Co, Novartis und Sanofi-Aventis unterstützt.
    Kritiker bezeichnen die freiwilligen Richtlinien der Pharmabranche als zu lasch. Die Frage ist, ob erwartet werden kann, dass die Unternehmen ihre eigenen Regeln einhalten. Angesichts der jüngsten Skandale um das Schmerzmittel Vioxx in den USA sowie um den Einsatz von Antidepressionsmitteln bei Kindern könnten schärfere Regelungen seitens der nationalen Gesetzgeber kommen.
    Der schwächste Punkt der Richtlinien ist, dass eine vollständige Veröffentlichung aller Studien nicht geplant ist. So sollen Studien der frühen klinischen Phase I ausgeklammert bleiben. Auch soll es keine Verpflichtung geben, Studienergebnisse vor einer Zulassung des betreffenden Medikaments zu veröffentlichen.


    Adressen
    Freiwillige Versuchskaninchen werden oft über Zeitungsanzeigen oder Internetseiten ge­sucht. Dabei sollten Sie beachten, dass auf dem Markt für Testpersonen viele unseriöse Anbieter versuchen, einen schnellen Euro zu machen.
    Eine schwarze Liste mit den Namen von fast 100 unseriösen Anbietern von Nebenver­diensten hat die Verbraucherzentrale Hamburg auf Ihrer Internetseite (www.vzhh.de) veröffentlicht.

    Der Trick der Abzocker: Bevor Sie als Interessent auch nur einen Cent verdienen, müssen Sie Vorkasse leisten. Die Liste der Hamburger Verbraucherschützer soll ständig länger werden und auf aktuellem Stand gehalten werden. Daher ruft die Verbraucherzentrale dazu auf, selbst entdeckte unseriöse Jobangebote zu melden.


    VIP Check gegen Probandentourismus
    Unter www.vipcheck.org/index.php?id=36 finden Sie eine Liste von Test-Instituten, die sich der Dachorganisation „VIP Check“ angeschlossen haben. Die Organisation möchte per zentraler Datenerfassung verhindern, dass menschliche Versuchskaninchen von Studie zu Studie wandern („Probandentourismus“).

    VIP Check behauptet auf Ihrer Website, dass es internationaler Standard sei, dass Versuchspersonen, die an einer klinischen Prüfung teilgenommen haben, „an keiner weiteren Studie in einem Zeitraum von mindestens 30 Tagen, oftmals 90 Tagen, teilnehmen.“ Die Organisation pflegt auf Ihrem Zentralserver eine Datenbank mit verschlüsselten Probanden- und Studiendaten. Auf diese Daten habe laut VIP Check nur ein „vertraglich festgelegter Teilnehmerkreis“ Zugriff.
    Beispiele für VIP-Check-Mitglieder:

     

    • AAI Deutschland GmbH & Co KG Wegenerstrasse 13

    89231 Neu-Ulm www.aai.de

    • Focus Clinical Drug Development GmbH Stresemannallee 6

    41460 Neuss www.focus-cdd .de

    Wenn Sie sich für die Teilnahme an einer Studie interessieren, können Sie das “Probanden-Service-Team” von Focus Clinical Drug Development kostenlos unter 0800/8002288 erreichen.

    Vor der Teilnahme müssen Sie eine Einganguntersuchung über sich ergehen lassen.


    Unikliniken
    Eine Übersicht über die Adressen aller deutschen Universitätskliniken finden Sie auf

    www.medknowledge.de/klinik-arztsuche/universitaets_kliniken.htm.


    Beispiele:
    Universitätsklinikum Aachen Medizinische Fakultät der RWTH Pauwelsstraße 30
    52074 Aachen
    Tel.: +49-241 800 /80 84444 www.ukaachen.de


    Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
    Medizinische Fakultät (Universitätsklinikum)
    Leipziger Straße 44 39120 Magdeburg

    Tel.: +49-39 1 -67-0 1 Fax: +49-391-67-13440

    www.med.uni-magdeburg.de


    Universität Rostock – Medizinische Fakultät/ Klinikum
    Schillingallee 35 18057 Rostock
    Postanschrift: Postfach 10 08 88
    18055 Rostock Tel.: +49-381 494-0

     

     

    * Im Ratgeber Pharmatester wird das Wort „Studie“ stellvertretend für alle klinischen oder nicht klinischen Studien, Untersuchungen, Testreihen, Probanden-Prüfungen etc. verwendet.


    ** Ein Epikutantest ist ein Pflastertest, der zum Beispiel bei Verdacht auf Haut- oder Kontaktallergien angewendet wird. Dabei werden spezielle Pflaster mit verdächtigen Stoffen zum Beispiel auf den Rücken des Patienten geklebt. Bei Probanden kann die Haut auf unangenehme Weise reagieren. Denkbar sind Rötungen, Verdickungen oder Bläschenbildung. Probanden müssen auf Duschen, Baden und schweißtreibenden Sport verzichten.

     

    *** H1-Antihistaminika werden als Antiallergika verwendet, also als Mittel gegen allergische Reaktionen. Sie werden außerdem als Schlafmittel angewendet. H2-Antihistaminika sind meist Arzneimittel gegen eine erhöhte Magensäureproduktion.

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